Von Freiwilligen, heiligen Kühen und einem Traum

 

Man hat ja schon recht viel über Indien gehört. In der Schule, in den Nachrichten oder vielleicht durch das Dschungelbuch. Das meiste Wissen beschränkt sich allerdings auf Vorurteile wie:
Indien ist dreckig, Frauen werden unterdrückt oder überall laufen Kühe rum. Gut, das mit den Kühen stimmt halt wirklich, aber es gibt mehr streunende Hunde als Kühe.

 

 

Vorurteile. Sie begegnen uns täglich. Dabei nutzen sie uns gar nicht.
So begab ich mich auf diese große Reise, um Indien, das Land der Vielfalt und Gegensätze, kennenzulernen und Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen.
Ich ließ Cuxhaven und damit auch meinen Stamm für ein Jahr hinter mir und flog Ende Juli 2016 nach Bangalore.
Ich bin Malte und absolviere ein freiwilliges soziales Jahr über die Organisation „AFS“ mit dem Programm „weltwärts“.
Ich habe mein Abitur 2016 bestanden und hatte mich bereits im Sommer 2015 beworben.
Es galt, mehrere Bewerbungsinstanzen zu überstehen, doch nach dem Auswahlwochenende bekam ich relativ schnell einen Platz zugesichert. Allerdings war noch niemandem bewusst, wohin ich gehen würde.
Man konnte Länderpräferenzen angeben. Für mich war klar: Ein asiatisches Land sollte es sein.
Also gab ich meine Wunschländer an und irgendwann im November wurde mir ein Platz in Indien zugesichert. Mein Projekt, wo ich arbeiten und wohnen würde, stand allerdings noch nicht fest.
Als ich dann endlich, kurz vor Ausreise im Juni, Informationen über mein Projekt erhielt, war ich überglücklich.
Ich verbringe mein Jahr in einem Projekt mit dem Namen „Sristi Foundation“. Über 5 Monate bin ich jetzt schon hier, doch es fühlt sich wie ein sehr kurzer Aufenthalt an. Es macht einfach so viel Spaß, dass die Zeit wie im Flug vergeht.
Sristi ist ein kleines Dorf, in dem Menschen mit Behinderungen einen Platz finden.
Der Gründer Karthikeyan ist Psychologe und leitete ein Waisenhaus, in dem Behinderte und Nichtbehinderte zusammenleben.
Die Reintegration in die Gesellschaft fiel den Nichtbehinderten nicht allzu schwer. Denn nachdem sie zur Schule gegangen waren, standen ihnen quasi alle Türen offen. Für die Behinderten gilt das nicht. Denn selbst wenn sie Fähigkeiten hatten und sie hätten arbeiten können, bekamen sie keine Arbeit, weil niemand sie einstellen wollte.
Also gründete Karthikeyan zusammen mit seinem Freund Muthukrishnan (einem Special Educator, der dieses Jahr als bester Special Educator Tamil Nadus ausgezeichnet wurde) Sristi Foundation.
Das Konzept besteht darin, den Behinderten landwirtschaftliche Fähigkeiten beizubringen. Außerdem gibt es eine kleine Schule für Kinder mit Behinderungen aus der Umgebung.
Über die Vision Karthiks und den Weg bis zum jetzigen Zeitpunkt kann man auch in dem Blog meines Mitfreiwilligen Louis (https://louisvomkaiserstuhl.wordpress.com/) nachlesen.
Meine Aufgaben liegen hauptsächlich in landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Zwischendurch spiele ich aber auch gegen einen der Dorfbewohner Schach oder helfe beim Bau einer Hütte. Bei letzterem waren mir ein paar Fertigkeiten, die ich als Pfadfinder gelernt habe, durchaus nützlich.

Louis und ich initialisieren auch eigene Projekte. So haben wir zum Beispiel einen Vortrag über den Umgang mit Müll gehalten und sind gerade dabei, unter die Imker zu gehen. Gelegentlich helfen wir auch in der Schule.
Interessant wird das Projekt auch dadurch, dass Menschen aus aller Welt das Dorf besuchen. So haben wir schon Menschen aus Argentinien, Australien, Frankreich, Italien, der Schweiz, Singapur, Spanien, UK, USA und den verschiedensten Regionen Indiens kennengelernt.
Es werden im Laufe des Jahres noch viele weitere Freiwillige, die für kürzere Zeiträume bleiben, eintreffen.
Das Dorf ist etwa 40 km von der einst französischen Koloniestadt Pondicherry entfernt. In Pondicherry leben Europäer und Inder ganz normal zusammen, dort werden wir nicht behandelt, als seien wir von einem anderen Stern.
Pondy ist angeblich die einzige Stadt in ganz Indien, die eine richtige Strandpromenade hat. Die hohen Wohnungspreise und die Promenade tragen sicherlich dazu bei, dass Pondy als das Saint-Tropez Indiens betitelt wird.
Der große Vorteil eines solchen Freiwilligendienstes ist, dass man ganz eng mit der Kultur in Kontakt tritt. Man kommt auf Hochzeiten oder andere kulturelle Veranstaltungen, die man als Tourist nicht erlebt hätte.

 

Während des Programmes bleibt mir auch etwas Zeit zum Reisen. Auf meiner Liste stehen im Moment noch das Taj Mahal, Amritsar und Nepal. Aber an den Wochenenden ist auch Zeit für kleine Ausflüge in nahegelegene Orte und Städte. Öffentliche Transportmittel sind ziemlich günstig und stellvertretend für einen Aufenthalt in Indien ist eigentlich eine Zugfahrt. Wenn man in einem der günstigeren Abteile unterwegs ist, hat man so viel gesehen.
Ununterbrochen laufen Verkäufer mit religiösen Gegenständen, Tee und Essen (ganze Mahlzeiten oder nur Snacks) durch die Abteile. Kultur pur. Die Landschaften, die man dabei durchquert, sind auch einfach überwältigend. Fun Fact: Es gibt einen Direktzug zwischen Delhi und Pondicherry. Er fährt wöchentlich und dann ist man schon so um die 40 Stunden unterwegs (und das ist noch nicht die längste Zugverbindung).
Ich blicke optimistisch auf die verbleibenden Monate, bin mir sicher, noch sehr viel erleben zu dürfen und ich habe vor, demnächst mal ein paar indische Pfadfinder zu besuchen. Wenn ich dann wieder in Deutschland bin, geht es auch gleich weiter zum BuLa, worauf ich mich auch schon sehr freue.

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